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Hessen
Bevölkerungsrückgang bei gleichzeitig wachsenden Großstädten
Das Statistische Landesamt für Hessen hat für 2008 aktuelle Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung veröffentlicht. Für das Bundesland wird dabei insgesamt ein erneuter Rückgang der Bevölkerung vermeldet. Auffallend ist bei dem Zahlenwerk, dass gleichzeitig in den Großstädten eine Bevölkerungszunahme zu verzeichnen ist. Mit knapp 6,065 Millionen Einwohnern wurden Ende 2008 in Hessen insgesamt 7.600 Personen weniger registriert als noch zum Vergleichszeitpunkt im Jahr 2007. Im vierten Jahr in Folge setzt sich somit der Bevölkerungsrückgang in Hessen fort. Ursächlich dafür ist landesweit ein niedriger Wanderungsgewinn (700 Personen), der einem hohen Sterbeüberschuss (8.300 Personen) gegenübersteht. Insgesamt ist allerdings eine deutliche Zweiteilung der Entwicklung erkennbar. Die hessischen Großstädte wachsen, in den ländlichen Räumen nimmt die Einwohnerzahl weiter deutlich ab. Die fünf hessischen kreisfreien Städte konnten 2008 im Durchschnitt einen Bevölkerungszuwachs von 0,6 Prozent verbuchen, basierend auf Geburtenüberschüssen und Wanderungsgewinnen. Hingegen registrierten die 21 hessischen Landkreise einen Bevölkerungsrückgang von durchschnittlich 0,3 Prozent.
Beide Entwicklungen, dies belegen die Zahlen des Statistischen Landesamtes, entsprechen somit dem allgemeinen Trend der letzten Jahre in Hessen und zeigen, dass sich die dargestellte Entwicklung im Verlauf der letzten Jahre verfestigt hat und weiter vertiefen wird. Die hessischen Großstädte wachsen zunehmend, wohingegen die ländlichen Regionen Hessens mit einem negativen Wanderungssaldo konfrontiert sind, kombiniert mit niedrigen Geburtenraten und einer hohen Sterbequote – bedingt durch eine entsprechende Alterstruktur.
Einige Beispiele für das eindeutige Wachsen der hessischen Großstädte: Der Bevölkerungszuwachs in Frankfurt lag am Ende des letzten Jahres bei 0,9 Prozent (5.817 Personen) und in Offenbach bei 0,6 Prozent (732 Personen). Der Zuwachs in Wiesbaden betrug Ende 2008 0,3 Prozent (893 Personen), in Kassel 0,2 (365 Personen) und in Darmstadt 0,1 Prozent (119 Personen). Anders die Situation in den Landkreisen. Mit Ausnahme des Main-Taunus-Kreises sowie den Landkreisen Groß-Gerau und Offenbach, die eine leicht positive bzw. nahezu ausgeglichene Bevölkerungsbilanz und Wanderungsgewinne aufwiesen, zeigt sich in nahezu allen hessischen Landkreisen ein identisches Bild. Niedrige Geburtenraten, hohe Sterbequoten sowie ein zunehmendes Maß an Abwanderung sorgen für einen eindeutigen Bevölkerungsrückgang im ländlichen Raum. So hat allein der Werra-Meißner-Kreis Ende 2008 einen Bevölkerungsverlust von 1.424 Personen (minus 1,3 Prozent) registriert und der Vogelsbergkreis einen Rückgang von 1.215 Personen (minus 1,1 Prozent). Selbst Wanderungsgewinne wie im mittelhessischen Wetteraukreis können ein vorhandenes Geburtendefizit nicht ausgleichen.
Kommentar
Die Bevölkerungsentwicklung interessiert zumeist im Zusammenhang mit Prognosen. Dabei – und dies lässt sich unmissverständlich aus dem aktuellen Zahlenwerk des Statistischen Landesamtes herauslesen – hat die Zukunft längst begonnen. Die Bevölkerung nimmt in Hessen – trotz der deutschen Mittellage – kontinuierlich ab, wenn auch von Jahr zu Jahr in geringen Raten. Der gleichzeitig zu beobachtende Zuwachs in den Städten, der unabhängig von den jeweiligen Strukturproblemen zumindest aktuell zu verzeichnen ist, scheint die viel diskutierte These der zunehmenden Landflucht zu bestätigen. Aus den Wanderungssalden kann allerdings nicht automatisch auf eine Landflucht geschlossen werden. So spielt vor allem in Frankfurt natürlich auch der überregionale Zuzug von Haushalten, dabei auch aus Städten, eine nicht unwesentliche Rolle. Frankfurt macht aber zudem auf einen anderen und für die Zukunft der Städte entscheidenden Punkt aufmerksam: Die Fortsetzung des Trends hängt ganz entscheidend von der Stadtentwicklungspolitik ab. So hat Frankfurt einige größere Neubaugebiete ausgewiesen, die in den letzten Jahren übrigens für eine Sonderkonjunktur bei den erteilten Baugenehmigungen in der Mainmetropole gesorgt haben. Diese Gebiete sind nicht zuletzt aufgrund der guten Anbindung an die Innenstadt attraktiv. Dauerhaft entwickeln werden sich diese Quartiere nur, wenn sie attraktiv – etwa durch die entsprechende infrastrukturelle Ausstattung – gestaltet werden. Auf einen natürlichen Zuwachs in den Städten aufgrund der Bevölkerungsentwicklung und dabei insbesondere aufgrund der infrastrukturellen Bedürfnisse der älteren Generationen zu setzen, wäre für die Städte fatal. Zumal sich die Abwanderung aus dem ländlichen Raum in die Stadt wiederum nur die vermögenden Haushalte leisten können. Die Städte müssen aber auch für junge Familien attraktiv sein. Sonst kommt es zu einer altersbedingten Segregation. Dann kann der Trend schon bald wieder kippen. Die aktuellen Zahlen sollten deshalb als Ermutigung für die Gestaltungsfähigkeit der Zukunft – übrigens nicht nur in den Städten, sondern auch in den Mittelzentren – verstanden werden.
Dr. Rudolf Ridinger
Verbandsdirektor des VdW südwest
